Paraguays Stromverbrauch wächst rasant. Warum der Stausee von Itaipú mit wachsender Solarleistung nicht weniger wichtig wird, sondern wichtiger.
„Genügend Energie für alle Zeit" und „wir brauchen nur eine Turbine von 18" sind Sätze, die man in Paraguay oft hört, nicht selten als Ausdruck des Unverständnisses, wenn gerade das Licht ausgeht.
Interessanterweise hat es mal gestimmt, dass Paraguay nur eine von 18 Turbinen tatsächlich verwendete – und zwar bis zum Jahr 1998.
Paraguays eigene Energie und was das Land davon verbraucht
Verfügbare Energie heißt hier: gesamte Acaray-Erzeugung plus je 50 % der Jahreserzeugung von Itaipú und Yacyretá.
Noch vor wenigen Jahren war der inländische Stromverbrauch Paraguays, gemessen an der Produktion, kaum mehr als ein Rundungsfehler. Innerhalb weniger Jahre ist der Verbrauch schon auf über 65 % des eigenen Anteils an der Erzeugung angestiegen.
Wer sich umsieht, kann den Wandel mit seinen eigenen Augen erleben: Während Klimaanlagen Ende der 90er Jahre noch ein absoluter Luxus waren, sind sie für große Teile der Bevölkerung Standard geworden. Im letzten Jahr wurde in Paraguay im Schnitt alle 64 Sekunden eine neue Klimaanlage in Betrieb genommen. Schon heute verbrauchen Klimaanlagen zur Spitzenlast mehr als die Hälfte des gesamten Stroms.
Was in Europa schon länger das neue Normal ist, kommt langsam auch in Paraguay an: In der ersten Jahreshälfte 2026 wurden pro Tag schon 11 Elektro- und Hybridfahrzeuge importiert, eine deutliche Steigerung gegenüber 2025.
Auch der weltweite Boom der künstlichen Intelligenz zieht nicht an Paraguay vorbei. Durch den hohen Stromverbrauch der Rechenzentren für künstliche Intelligenz kommt Paraguay mit den vergleichsweise geringen Energiepreisen als Standort für neue Rechenzentren in Frage.
Das Unternehmen HIVE hat mit seinen Rechenzentren in Paraguay heute schon einen Leistungsbedarf von 300 MW, was ziemlich genau zwei Turbinen des Yacyretá-Kraftwerkes entspricht. Durch weitere geplante Projekte wird sich der Leistungsbedarf für Rechenzentren bis 2028 voraussichtlich verdoppeln.
In Villeta entsteht im Moment ein neues Werk für Stickstoffdünger, das ab 2028 bereits 145 MW rund um die Uhr verbrauchen wird. Eine weitere Düngerfabrik des gleichen Unternehmens mit über 300 MW Stromverbrauch soll dabei in Alto Paraná entstehen.
Allein der zusätzliche Stromverbrauch durch Großprojekte wie Düngerfabriken und Rechenzentren ist dabei höher als der gesamte Stromverbrauch Paraguays Ende der 1990er Jahre.
Landwirte kennen es: Man hätte so viel produzieren können, aber das Wasser hat in diesem Jahr nicht mehr hergegeben.
Zwischen guten und schlechten Jahren liegen bei Itaipú ungefähr 30 % Produktionsschwankung (73 TWh im Jahr 2025 und 97 TWh im Jahr 2018). Der begrenzende Faktor für den Jahresertrag ist dabei nicht die Leistung der Turbinen, sondern der Niederschlag nördlich des Kraftwerkes.
Der Wasserpegel darf im Normalbetrieb des Kraftwerkes um 1,5 Meter variieren, indem man die Turbinen nicht einfach mit voller Leistung betreibt, sondern je nach Bedarf. Wird in naher Zukunft an sonnigen Tagen ein Teil des Strombedarfs direkt aus Solaranlagen gedeckt, so führt das ganz automatisch dazu, dass Itaipú weniger Wasser auf die Turbinen lässt, wodurch der Wasserspiegel ansteigt. Die zurückgehaltene Wasserreserve kann dann in der Nacht genutzt werden, während die Sonne nicht scheint. Die Turbinen können also heute schon nachts mit höherer Leistung betrieben werden, wenn tagsüber weniger Strom aus dem Kraftwerk benötigt wurde.
Die Kapazität ist enorm: Steigt der Wasserspiegel um 1,5 Meter, dann entspricht das über den gesamten Stausee einer Wassermenge von etwa 2.000.000.000.000 Litern Wasser. Das ergibt ungefähr die Energiemenge, die Paraguay insgesamt in sieben Tagen verbraucht.
Würde man Paraguay am Tag komplett mit Solarenergie versorgen, würde der Wasserspiegel im Stausee um ungefähr einen Zentimeter pro Stunde ansteigen.
Itaipú ist in jeder Hinsicht ein Kraftwerk der Superlative. Mit nur 1,5 m Veränderung der Pegelhöhe hat unser Kraftwerk eine Speicherkapazität von ungefähr 600 GWh. Zum Vergleich: Alle Batteriespeicher Europas kommen zusammen gerade mal auf 61 GWh, also ein Zehntel davon.
Itaipú wird damit nicht weniger wichtig, wenn Solarenergie ausgebaut wird – sondern wichtiger. Doch heute zählt nicht mehr nur die Menge der erzeugten Energie, sondern zunehmend auch der Zeitpunkt, an dem sie verfügbar ist. Mit wachsender Solarleistung wird der Stausee vom Wasserreservoir immer stärker zum Zeitspeicher des paraguayischen Stromsystems.
Jahrzehntelang beeindruckte Itaipú weltweit vor allem durch seine enorme Größe. In Zukunft könnte sein größter Wert in etwas viel Unspektakulärerem liegen: in 1,5 Metern Wasserstand.
Die eine Turbine von 18 reicht längst nicht mehr.
Aber vielleicht reichen die 1,5 Meter.

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